Sonntagskonzertkritik 2016

Musik - Sprache der Welt
Das Sonntagskonzert vom 24. April 2016 im Kammermusiksaal der Philharmonie

Es ist schon erstaunlich, welches Niveau sich Laienchöre des Chorverbandes Berlin erarbeiten. Und es ist faszinierend, wie man mit Hilfe einer intelligenten Programmgestaltung gemeinsames Singen mehrerer Chöre organisieren kann. Das Sonntagskonzert vom 24. April zeigte, wie ein Motto drei Chöre miteinander verbindet, cantamus berlin, enchore und das Vokalensemble Kammerton präsentierten Chormusik aus drei europäischen Ländern unter dem etwas gewöhnungsbedürftigen Leitgedanken „Ein Lied ist ein Lied ist ein Lied!'. Die Musik stammte aus Frankreich, England und Deutschland. Die Auswahl war anregend, bunt und vielseitig. Das Publikum, recht zahlreich erschienen, lernte die unterschiedlichsten musikalischen Stile und Formen kennen. Alle Epochen waren vertreten. Am häufigsten hörte man Klänge der Renaissance. Kompositionen von Michael East, Josquin Desprez, Clement Janequin, Pierre Passereau, Orlando und Ellis Gibbons sowie Claudin de Sermisy dominierten das Programm. Und gleich viermal horte man Kompositionen von Francis Poulenc aus dem 20. Jahrhundert. Das Konzert zeigte, dass Musik die Länder und Völker einander nahe bringt, auch wenn die Texte nicht verstanden werden. Musik ist eine Weltsprache, die jede und jeder versteht. Musik erzeugt Emotionen, weckt Erinnerungen, schafft Impulse. Das künstlerische Niveau der drei Chöre war beachtlich. Es gab keine Schnitzer und nur ganz wenige Unebenheiten, die einer kritischen Erwähnung bedürften. Intonation, Dynamik, Agogik, Wahl der Tempi, Artikulation und Ausstrahlung waren durchweg sehr gut. Alle Werke waren sorgfältig geprobt und zeugten von gründlichem Studium. Respekt und Anerkennung gebührt allen Mitwirkenden gleichermaßen. Es war eine sehr gute Idee, im Programmheft die ausländischen Texte als Übersetzung ins Deutsche vorzulegen. Begrüßenswert war auch die namentliche Nennung aller Mitwirkenden. Besondere Erwähnung verdienen die sehr informativen, launigen Zwischenansagen durch die Chorleitenden. Die Geschichten von der englischen Königin Elisabeth 1. als Fantasiefigur Doriana und die Seemannserzählungen in der Vertonung von Ralph Vaughan Williams erläuterte Manuel Nickert, der Leiter von enchore, originell und humorvoll. Marie Eumont, die Leiterin von cantamus berlin, erklärte dem Publikum die Unterschiede zwischen dem vor 500 Jahren gesprochenen Altfranzösisch und der heute gebräuchlichen Sprache. ...

Das Fazit dieses Sonntags: Die Chöre waren hervorragend, die Idee mit den drei Sprachen und Kulturen war überzeugend, die Stimmung auf der Bühne und im Saal war ausgezeichnet, das Programmheft war vorzüglich. Zum Ende sangen alle Chöre gemeinsam Schumanns „Im wunderschönen Monat Mai". Alles in allem die beste Werbung für die Musikstadt Berlin und ihren Chorverband. Der Schlussapplaus war überwältigend und zeigte, dass das Konzept aufgegangen war.

Horst Fliegel im Chorspiegel/Juni 2016

 

 

Sonntagskonzertkritik 2013

Heimatweh, Gospelsound und moderne Renaissance
Das Sonntagskonzert am 24. Februar 2013 im Kammermusiksaal der Philharmonie

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Noch vor der Pause bot das Vokalensemble Kammerton unter der Leitung von Sandra Gallrein den ersten Teil seines Programms. Der versierte Kammerchor präsentierte zunächst drei zeitgenössische Madrigale aus den „Six Fire Songs" von Morten Lauridsen auf italienische Verse der Renaissance. Dem hohen Anspruch, 4- bis 7-stimmige Akkorde in raschem Tempo - quasi frei deklamierend - zeitgenau zu treffen, auch bei plötzlichen harmonischen Rückungen die Tonhöhen zu finden und den Chorklang in verschiedenen Lautstärken nicht zu verlieren, wurden die Sängerinnen in erfreulichem Maß gerecht. Ähnliche Ansprüche stellten die „4 Shakespeare Songs" des Finnen Jaakko Mäntyjärvi in englischer Sprache: Für jedes dieser Stücke muss der passende „Tonfall" getroffen werden, jähe akkordische Rückungen, besonders in tiefer Lage, erschweren das genaue Intonieren. Bis auf Kleinigkeiten wie rhythmische Wackler bei Zwischeneinsätzen, gröbere Sopraneinzeltöne im Fortissimo oder geringes Detonieren gelang auch dieser Zyklus überzeugend. Besonders mit dem effektvollen „Double, DoubleToil and Trouble", dem Hexengesang, der sich vom Flüstern bis zum grotesken Geschrei steigerte, konnten die Zuhörer zu begeistertem Beifall animiert werden. Auch bei den vier „Shakespeare Songs" aus der Feder des Amerikaners Matthew Harris stellte das Ensemble sein Können unter Beweis: Feinfühlig abgestimmte Klangfarben im Piano, leicht federnde, schlanke Tongebung, Homogenität und gute Intonation gelangen bei den zwei ersten Stücken sehr gut. Die beiden anderen verlangen viel Temperament, besonders im Forte: Im Tenor wie im Sopran war dabei die etwas zu grobe Stimmgebung einzelner die Ursache für weniger homo¬genen Chorklang. Aber die Präsenz aller - einschließlich der ambitionierten Leiterin - beeindruckte das Publikum.  ...

Peter Vagts im Chorspiegel/Juni 2013