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Von Spanien über Wales und Deutschland bis nach Russland; überall auf der ganzen Welt feiern die Menschen die Geburt Jesu Christi. Und doch unterscheiden sich die einzelnen landestypischen Weihnachtstraditionen oft voneinander - mal mit einer besinnlichen Vorweihnachtszeit, Adventskalendern und Weihnachtsmärkten, mal mit Christkind und Nikolaus oder Weihnachtsmann, mal mit Geschenken an Silvester unter dem Tannenbaum, dann mal ohne alle Symbolik: Die russisch-orthodoxen Christen zum Beispiel feiern am 7. Januar das Fest der Erscheinung des Herrn, also den Tag, an dem Gott Mensch wurde. So fällt der Heilige Abend, Sochelnik oder Koljadki genannt, auf den 6. Januar. Geschenke werden an diesem Abend allerdings nicht ausgetauscht, sondern schon viel früher. An Silvester bringt nicht der Weihnachtsmann, sondern Väterchen Frost die Geschenke zu den Kindern und Erwachsenen. Er trägt einen langen Mantel mit Pelzkragen und eine typisch russische Pelzmütze. Ein dicker Eiszapfen dient ihm als Wander- und Zauberstab. Das russische Väterchen Frost reist aus Sibirien in einer schicken Pferdetroika in Begleitung eines Jungen an, der Neujahr heißt, und seiner hübschen Enkelin Snegurotschka, die auf Deutsch Schneemädchen oder Schneeflocke genannt wird.
Auch in Spanien gibt es die eine oder andere weihnachtliche Tradition, die sich von den unsrigen unterscheidet: Wer Weihnachten in Spanien feiern möchte, muss dabei unter Umständen auf den Weihnachtsmann verzichten. Der freundliche, alte und gemütliche Mann mit dem weißen Rauschebart und dem roten Mantel ist auf der Iberischen Halbinsel nicht allerorts anzutreffen. Auch die Adventszeit ist dem Spanier weitgehend unbekannt - Adventskränze und Adventskalender sucht man vergeblich. Jedoch hat der Spanier seinen ganz eigenen vorweihnachtlichen Höhepunkt: Jedes Jahr wird die Stille ganz plötzlich durch den Trubel der Weihnachtslotterie, Lotería de Navidad, durchbrochen. Beinahe jeder Spanier nimmt daran teil und sitzt dann am 22. Dezember vor seinem Fernsehgerät. In einer 3stündigen Fernsehsendung werden die Gewinnzahlen ausgestrahlt und neben El Gordo (dem Dicken), dem Hauptgewinn, werden auch zahlreiche kleinere Gewinne ausgespielt.
All diese Traditionen und Bräuche sind immer auch mit ganz charakteristischen Weihnachtsklängen verbunden. Inspiriert von den unterschiedlichen musikalischen Eigenarten führen wir Sie am heutigen Abend durch ein Programm voller internationaler Weihnachtsklänge: Wir bewegen uns über eine imaginäre Landkarte von Klanglandschaften... vorbei an Melodien aus dem fernen Russland und Peter Tschaikowskys (1840 - 1893) Dostoino jest, eines der bekanntesten Weihnachtslieder der russisch-orthodoxen Christenwelt, das sich besonders durch seinen langsamen, tragenden und pathetischen Charakter auszeichnet glühende Melodien aus der klirrenden Kälte Russlands.
Die russische Weihnachtsmusik unterscheidet sich hörbar von den fröhlichen, spanischen Weihnachtsliedern aus Uppsala. Sie fragen sich jetzt bestimmt, was denn Weihnachtslieder aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts mit der schwedischen Stadt Uppsala zu tun haben? Die spanischen Weihnachtslieder, die im Jahre 1556 erstmals in Venedig gedruckt wurden, galten bis vor einigen Jahrzehnten noch als verschollen, bis eines Tages ein einziges Exemplar in der Bibliothek der Universität in Uppsala wieder auftauchte. Die Weihnachtslieder sind uns heute ihres Fundortes wegen unter dem Namen Cancioneros de Uppsala bekannt. Die Lieder haben einen langen Weg hinter sich und doch ist bis auf den heutigen Tag ungeklärt, wie sie nach Schweden kamen. Eines ist jedoch sicher, die Wiederentdeckung der Weihnachtslieder verdanken wir dem Musikforscher Rafael Mitjana, der sie aus der Jahrhunderte langen Vergessenheit holte. Die Sammlung beinhaltet insgesamt 55 Lieder, größtenteils von anonymen Komponisten geschrieben, wobei nur 12 Lieder der Weihnacht gewidmet sind. Der Rest der Lieder ist weltlichen Charakters und kreist in erster Linie um die Liebe - nicht weniger beschwingt und fröhlich tänzerischen Charakters sind jedoch die Lieder zur Weihnacht: Man kann die spanischen Hirten förmlich vor Freude über die Geburt Christi tanzen sehen, jubelnd in die Hände klatschend, begleitet von Flöte und Tambourin.
Im Jahre 1893 komponierte Josef Gabriel Rheinberger für die Münchner Hofkapelle einen Zyklus von neun Motetten für die vier Adventssonntage. Rheinberger war zu dieser Zeit Leiter der Kirchenmusik an der Hofkirche in München und somit im Dienste des bayerischen Märchenkönigs, Ludwig II. Die einzelnen Adventsmotetten sind kurz, meistens nicht länger als zwei Partiturseiten, dennoch ist die Musik lebendig, voll von farbigen Harmonien und vor allem sehr melodiös gestaltet.
Die Motette ist im weitesten Sinne eine mehrstimmige Gattung der Vokalmusik und hat von ihrer Entstehung im Mittelalter bis in die Zeit Rheinbergers viele Wandlungen durchlaufen. Seine Adventsmotetten zeichnen sich besonders dadurch aus, dass die einzelnen Stimmen ein prägnantes Motiv, das Soggetto, imitieren. So auch gleich zu Beginn der ersten Motette Ad te levavi, wo die kleine Melodiefloskel, die über diesen Worten liegt, von einer Stimme zur nächsten getragen wird. Dieses Prinzip der Imitation findet sich noch an vielen anderen Stellen in den Adventsmotetten.
Der Abend hält noch einen weiteren Höhepunkt für Sie bereit: Eine Berliner Erstaufführung! Der Komponist Nigel Hurley, der 1969 in Wales geboren wurde, hat dieses Stück mit dem Titel Calon Lân eigens für das Vokalensemble Kammerton und seine Dirigentin Sandra Gallrein geschrieben.
Der vertonte Text ist walisisch und erzählt von einem reinen Herzen, so verrät es schon der Titel: Calon Lân nur ein reines Herz voller Güte kann singen, Tag und Nacht, nur eines, das schöner ist als jede Lilie. Schon in der antiken Welt wurde die Lilie als ein Symbol für Reinheit und Schönheit verstanden. Der Titel des Stückes Calon Lân kann auf unterschiedliche Weise übersetzt werden. Das walisische Wort glan (lân) bedeutet zunächst rein, kann aber in einem poetischen oder religiösen Text mit heilig übersetzt werden nur ein heilig Herz voller Güte kann singen. Der walisische Text ist von dem Barden Daniel James (1847 - 1920) verfasst worden. In der keltischen Kultur war ein Barde ein berufsmäßiger Dichter, der meistens von einem Monarchen dafür bezahlt wurde, dass er die hoheitlichen Tätigkeiten lobpreiste. Aber auch überaus bekannte Dichter wurden als Barden bezeichnet, so auch William Shakespeare.
Das Stück ist in einer Strophen-Refrain-Form geschrieben, wobei der Chor immer den Refrain übernimmt. Dieser Chorgesang wirkt durch seine tonalen Akkorde süß und liebevoll, wie ein Herz voller Wärme, das alles Leid und Elend auf der Welt überwinden kann. Hier und da wird dieser Klangteppich durch scharfe, aber leidenschaftliche Dissonanzen durchbrochen. „Das ist die weihnachtliche Botschaft des Stückes“, so der Komponist. „Alle Menschen auf der Welt feiern dieses Fest. Sie sind alle über die Landesgrenzen hinweg miteinander in der Wärme der Herzen verbunden!“ Über dem Ganzen schwebt als Verkörperung des reinen Herzens die Solostimme, eine engelsgleiche Erscheinung, gesungen von Sandra Gallrein.
Übrigens: Weihnachten heißt auf Walisisch Nadolig. Wie überall in Großbritannien hängen die Kinder am Heiligen Abend eine Socke am Ende ihres Bettes auf. Der britische Weihnachtsmann, Father Christmas, kommt dann durch den Schornstein gestiegen und liefert die Geschenke ab, nachdem er ein Gläschen Sherry getrunken hat, das ihm die Kinder als Dankeschön meistens in die Küche stellen... Wir wünschen Ihnen nun viel Hörvergnügen und ein Frohes Fest!
Sarah Rust