- Orlando di Lasso (1530/32-1594)
- aus: „Die sieben Bußpsalmen“
- Psalm 1 (6, 148, 150)
- Psalm 6 (130, 148, 150)
- Psalm 7 (143, 148, 150)
- Hugo Distler (1908-1942)
- aus: „Geistliche Chormusik op. 12“
Totentanz (1-27)
(1, 3, 7, 9, 13, 17, 19, 21, 25, 27)
- Motette für vierstimmigen Chor zum Totensonntag
Der Tod ist ein
existenzielles Ereignis, das in seiner Bedeutung für das Leben
eines Menschen nur dem Ereignis der Geburt gleichgesetzt werden kann.
Trotzdem wird der Tod in den europäischen Kulturen der Gegenwart
meist nur noch am Rande wahrgenommen.
Im Kirchenjahr wird dem Tod und den Verstorbenen am Ewigkeits- oder
Totensonntag gedacht. In Auseinandersetzung mit diesem Tag ist
über die Jahrhunderte eine beeindruckende Vielfalt an Texten und
Kompositionen entstanden.
Die sieben Bußpsalmen nehmen im Schaffen von Orlando di Lasso (um
1532-1594) einen exponierten Platz ein. Ihr Auftraggeber Herzog
Albrecht V. von Bayern ließ sie in einer kostbaren
mehrbändigen Handschrift aufzeichnen, entzog diese aber Zeit
seines Lebens der Öffentlichkeit. Das gab damals schon Anlass zu
Spekulationen. Erst mehrere Jahre nach dem Tod des Herzogs, im Jahre
1584, konnten die Bußpsalmen Orlando di Lassos in Druck geben
werden. Sie lassen sich in die spätestens um 1550 aufblühende
Tradition von zyklischen Bußpsalm-Vertonungen einordnen. Vom
österreichischen Musikhistoriker August Wilhelm Ambros wurden die
Bußpsalmen di Lassos als Werke beschrieben, die "zu jenen
größten Denkmalen der Kunst gehören (...).
Überhaupt ist der Ausdruck ein tief und gewaltig ergreifender, er
erschüttert, aber er erhebt und tröstet auch in wunderbarer
Weise. Der Geist der Buße, wie er sich hier ausspricht, ist
gewaltig, aber er ist keine haltlos und ohnmächtig
zusammensinkende Zerknirschung."
So vermitteln die von Orlando di Lasso vertonten Bußpsalmen,
trotz aller in ihnen geschilderten Bedrängnis, die Zuversicht und
Hoffnung, die der zum barmherzigen, gnädigen und erlösenden
Gott flehende Mensch auch in tiefster Verzweiflung haben kann.
Im christlichen Ritus nehmen die Bußpsalmen mindestens seit dem
sechsten Jahrhundert eine Sonderstellung ein. Sie werden dort auch mit
den sieben Wegen zur Absolution in Verbindung gebracht: Taufe,
Martyrium, Almosen, Vergebung, Gottesdienst, Nächstenliebe und
Reue.
Die sieben Bußpsalmen sind in der Hebräischen Bibel (dem
Alten Testament) die Psalmen 6, 32, 38, 51, 102, 130 und 143. Die im
Konzert gesungenen Bußpsalmen entsprechen den Psalmen 6, 130 und
143.
Im ersten Bußpsalm (Psalm 6) geht es um die innige Bitte des zu
Gott betenden Menschen, von einer Qual befreit zu werden – sei diese
eine Krankheit, seelischer Kummer oder böswillige Angriffe von
Feinden. Ein Sündenbekenntnis steht hier nur unausgesprochen im
Hintergrund. So wechseln in den ersten drei Strophen Bitte und Klage
einander ab. In der letzten Strophe dann gibt die Gewissheit,
erhört zu werden, dem zu Gott Flehenden neue Kraft und Hoffnung.
Im sechsten Bußpsalm (Psalm 130) überwiegt das Vertrauen des
Betenden, göttliche Gnade und Vergebung zu erfahren. Das bringen
besonders die Verse 4-6 zum Ausdruck. Die Verse 7 und 8 geben die
Gewissheit wider, dass der aus tiefer Sündenangst befreite
Gläubige zuversichtlich der Erlösung durch Gott entgegensehen
kann.
Der siebte Bußpsalm (Psalm 143) ist das Klagelied eines durch
Feinde bedrohten Menschen (Verse 3, 9 und 12), welcher aus innerer und
äußerer Hilflosigkeit heraus Gott um die Rettung seines
Lebens anfleht. Angesichts seiner Not wird dem Dichter dieses Psalms
auch seine eigene Sündhaftigkeit bewusst (Vers 2). Er vertraut
fest auf Gottes Gnade (Vers 8) und bittet Gott ohnmächtig darum,
ihm den rechten Weg zu weisen (Vers 8 -10). An der Ernsthaftigkeit
seiner Bitte lässt er keinen Zweifel (Vers 6). Dieser Psalm
gliedert sich recht übersichtlich in die Anrufung Gottes (Vers
1-2), die Klage und Schilderung der inneren und äußeren Not
(Vers 3-4) und die Formulierung des Gottvertrauens (Verse 5–6) als
Vorbereitung für die Bitte um Lebensrettung, Weisung und Schutz
vor den Feinden (Vers 7-12).
Die Poesie des Psalmentextes inspirierte Komponisten immer wieder zu
einer besonders affektvollen Vertonung der Bußpsalmen. Orlando di
Lasso versuchte, eine Balance zwischen affektgeladener Textausdeutung,
die sich melodisch und rhythmisch in einer detailorientierten
plastischen Bildsprache offenbart, und zyklischer Idee herzustellen. Er
hat jeden Psalm in Abschnitte unterteilt, welche er dann im Stil von
Motetten vertonte.
Wenn man auch davon ausgehen kann, dass di Lasso die sieben
Bußpsalmen nicht als zusammenhängendes zyklisches Werk
begriffen hat, so sind sie doch insofern als Zyklus angelegt, als sie
nacheinander in den vier authentischen Kirchentonarten geschrieben
wurden. Sie bildeten um 1838, gebunden an das Werk von S.W. Dehn in
Berlin, den Ausgangspunkt für eine "di Lasso-Renaissance" und
wurden vor diesem Hintergrund zu einer Art "Idealwerk" verklärt.

Der Totentanz von Hugo Distler gibt die Angst der Menschen wider, zum
Zeitpunkt des Todes, sich und den Mitmenschen nicht gerecht geworden zu
sein und das Wesentliche des Lebens nicht erkannt zu haben. Die Motette
beschäftigt sich mit dem oft in Angst erwarteten Moment, in dem
der Mensch – in der Konfrontation mit dem Tod - auf sein Leben
zurückblickt und einer ungewissen Zukunft entgegensieht.
Distler, der im jungen Alter von 34 Jahren seinem Leben durch eigene
Hand ein Ende setzte, glaubte innig an den Verkündigungsauftrag
der evangelischen Kirchenmusik. Die Auseinandersetzung mit den Texten
aus dem "Cherubinischen Wandersmann" des Angelus Silesius und den von
Johannes Klöckig bearbeiteten mittelniederdeutschen Versen des
Lübecker Totentanzes hat nicht nur bei Distler zu einem, wie er es
selbst nannte, mystisch-meditativen Zug in seiner Musik geführt,
sondern zwingt auch die Sänger und Sprecher zu innerer Reflexion
und einem fast körperlich erfassbaren Innehalten und Verweilen in
der Musik.
Vera Oelbracht
„Der Tanz der da sterben heißt“ -
zur szenischen Umsetzung
Ein Ursprung des Totentanzes ist im volkstümlichen
Armseelenglauben zu finden. Es ist die Vorstellung vom
„nächtlichen zwangvollen Tanz der Toten über den
Gräbern“.
Der Totentanz zeigt einen Reigen der jüngst Verstorbenen mit schon
längst verwesten Leichnamen. Er hat in Deutschland unter dem
Eindruck der Pestepidemien eine sehr große Verbreitung gefunden.
Er sollte mahnen und erschrecken. Er bot Umgang und Ausdruck
für das Massensterben, den sogenannten „jähen Tod“
während der Pest; eine Katastrophe, die als menschlich nicht mehr
fassbar wahrgenommen wurde.
Der Totentanz lässt sich als „eine in Bild und Vers umgesetzte
Volkspredigt“ beschreiben. Besonders in Kriegszeiten ist man immer
wieder auf das Totentanzmotiv zurückgekommen.
Hugo Distlers Totentanz entstand zwischen den beiden Weltkriegen. Die
Atmosphäre der Zeit ist in der Musik spürbar. Daraus entstand
die Idee, dem mittelalterlichen Text und der Musik der dreißiger
Jahre, Bilder, die ebenfalls aus den 30er Jahren stammen, hinzuzugeben.
Der unnatürliche und zwanghafte Tanz der Leichen wird so mit einem
kurzen Ausschnitt aus einem Ufa-Revuefilm mit Marika Rökk als
Hauptdarstellerin übersetzt. In einigen deutschen Revuefilmen der
30er und 40er Jahre wird der Zusammenhang zwischen Revuetanz und
Militärparade sichtbar. Wir verbinden dies zusätzlich mit der
Idee, dass das Sterben die Begegnung mit der Umkehrung aller Werte ist
und der Tod die Negation des Lebens darstellt. Wir stellen die Bilder
vom Revuetanz auf den Kopf.
Der Totentanz ist eine Wort/Bild-Einheit von Dichtung und Malerei. Das
Konzept sieht vor, ein großes Bild herzustellen und damit Musik
und Text zusammenzubinden. Der Chor und der Tod agieren im Bild, das
heißt in der Projektion des Tanzes.
Hugo Distlers Totentanz ist kein theatralisches Werk mit Handlung und
Entwicklung, sondern eine sich dreizehn Mal wiederholende Sequenz, die
aus drei Elementen besteht. Es sind die Chorsprüche, die
einen Kommentar für den darauffolgenden Dialog zwischen einem
jeweils gerade Sterbenden mit dem Tod bilden und einer
Flötenvariation über das Schnitterlied als Lockruf des Todes.
Der Moment des Sterbens, das Fühlen der Sterbestunde, die Angst
vor dem Tod wiederholt und verdeutlicht sich als Ständerevue in
der Abfolge vom hohen zum niederen Stand. Im Grunde genommen betrifft
es aber Jedermann zu jeder Zeit. Der Tod tanzt die Sterbenden
unwiderruflich aus dem Leben in den Tod. Er kommt als Mörder
aller Freuden und Glücks, aber auch als Gleichmacher sowie
Schlichter aller sozialen Kräfte und Unterschiede und steht als
Beender aller Not und Lebensfreuden, aber auch als ein Beender aller
Möglichkeiten zur Buße und Bekehrung.
Der Einzelne ist sich unsicher und sucht die brüderliche Hand oder
er stürzt sich ins Vergnügen, um den Tod zu verdrängen,
aber auch um die innere Not steuern zu wollen. In der Urform des
Totentanzes gab es keinen Dialog zwischen Sterbenden und Tod, sondern
nur einen Monolog als ein Selbstgespräch des Sterbenden, indem er
sich selbst Fragen stellt und seine innere Stimme ihm antwortet.
Solvejg Franke
Constanze Fischbeck
Quellen: „Der mittelalterliche Totentanz“ von Hellmut
Rosenfeld, 1968, Böhlau Verlag Köln
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