Aktuelles

Wir suchen erfahrene Mitsänger und Mitsängerinnen in allen Stimmlagen! Bei Interesse bitten wir um Kontaktaufnahme.

 



Stufen
H. Hesse (1877-1962)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In neue, andre Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!


Schlafes Bruder

Eine Musik zum Totensonntag. Was soll das sein?
Wer es wagt, sich mit der beeindruckenden Vielfalt der Texte und Kompositionen zu diesem Tag auseinander zu setzen, wird nicht umhin kommen, sich zu wundern.
Sich zu verwundern, wie ein solch existenzieller Teil des Lebens - der Tod, dem nur ein weiteres Ereignis - die Geburt, gleichrangig ist, in der Kunst zu einer überbordenden Fülle an schöpferischen Akten führen kann und doch in unserem alltäglichen Leben seinen Platz nur ganz am Rande unserer Wahrnehmung einnimmt. Nun ist er ja extra dafür gemacht, der Toten- oder auch Ewigkeitssonntag, dass wir uns der Verstorbenen am Ende des Kirchenjahres erinnern...
Trauer auf Abruf, einmal im Jahr?

„Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen“.

Mit unserer Geburt beginnt auch unsere irdische Vergänglichkeit.
Nur flüchtiges Verweilen und das unausweichliche Ende des menschlichen Aufenthaltes auf Erden sind die Koordinaten eines Weltbildes, wie es sich in der „Funeral Music for Queen Mary“ von Henry Purcell und bei Peter Cornelius präsentiert. Im Glauben an Gott liegt die Erlösung von irdischen Sünden und Leiden. Die Trauermusik vereint Gesänge und Bläserchöre, die Purcell u.a. anlässlich der Beerdigung von Queen Mary II am 28. Dezember 1694 schrieb. In einem zeitgenössischen Kommentar heißt es:

„...ich wende mich an alle diejenigen, die anwesend waren, gleichgültig, ob sie etwas von Musik verstehen oder nicht, ob sie wohl jemals etwas so hinreißend Schönes und Feierliches und Himmlisches gehört haben wie in dieser Darbietung, die alle zum Weinen brachte.“

Doch ist die Angst, sich „in der Trauer zu verlieren“, fast ebenso groß wie die Angst vor dem Tod selbst.

In dem Märchen „Der Tod und der Gänsehirt“ von Janosch hat der Hirte keine Angst, an das andere Ufer zu gelangen - er hat doch schon so oft hinübergesehen.

Die Furcht des Menschen, in der ihm zugemessenen Zeit sich und seinem Nächsten nicht gerecht geworden zu sein, und somit eine „Bestrafung“ auf der anderen Seite des Ufers zu erhalten, ist auch das Thema bei dem nun folgenden „Totentanz“ von Hugo Distler, aus dem hier vier Sprüche vorgetragen werden. Distler, der sich im Alter von 34 Jahren mit eigener Hand viel zu früh das Leben nahm, glaubte innig an den Verkündigungsauftrag der evangelischen Kirchenmusik.
Die Auseinandersetzung mit den Texten aus dem „Cherubinischen Wandersmann“ des Angelus Silesius und den von Johannes Klöcking bearbeiteten mittelniederdeutschen Versen des Lübecker Totentanzes hat nicht nur bei Distler zu einem, wie er es selbst einmal nannte, mystisch-meditativen Zug in seiner Musik geführt, sondern zwingt auch die Sänger und Sprecher zu innerer Reflektion und einem fast körperlich erfassbaren Innehalten und Verweilen in der Musik.

„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Mit den drei „Volksliedern“ von Helmut Barbe rückt nun ein weiteres, bekanntes Bild, wenn auch von weltanschaulich eher antiker Art, in unser Blickfeld: der kleine Bruder des Todes - der Schlaf. Er bringt mit seinen Träumen die Vorboten des großen Verwandten in Herz und Seele der Schlafenden.
Die im Traum erhaltene Vorahnung wird am Tage zur Gewissheit.

In den von Distler vertonten Gedichten des „Mörike-Chorliederbuches“ verbirgt sich in dem lyrischen Kleinod
„Um Mitternacht“ eine Begebenheit von besonderem Gewicht: erinnert doch das Bild von der Nacht, die aus dem Wasser an Land steigt und Herrin über Zeit und Gezeiten ist, an die Wassermutter der finnischen Schöpfungsgeschichte „Kalevala“.

Edward Elgars spätromantischen Elegien sind nun der Abschiedsgruß.
Der „Prince of Sleep“ ist eine bezaubernde Gestalt, bekränzt mit Lavendel und Mohn. Einen lieblichen Duft verströmend, wandelt er barfüßig auf den Spuren der Glühwürmchen durch die einsame nächtliche Natur.
Er ist ein Sinnbild des Friedens und der schönen Vergänglichkeit.
In „Death on the Hills“ zieht Gevatter Tod zu Pferde mit seinem Schattengefolge über die Lande.
Vorneweg laufen die Jungen. Hinterdrein, einen Karren ziehend und stemmend kommen die Alten, geradezu beladen mit der Last ihres Lebens. Auf dem Sattel aber dürfen nur die kleinen Kinder sitzen.
Die Alten betteln darum, in das Dorf hinunter zu gehen und sich mit einer Rast und frischem Wasser zu erfrischen und das Jungvolk sich vergnügen zu lassen. Der Tod jedoch verweigert ihren Wunsch. Er dürfe nicht durch das Dorf ziehen, denn dort würden dann die Frauen ihre toten Männer erkennen können und die Mütter ihre toten Kinder. Sie könnten versuchen die Toten zu umarmen - dieses wäre jedoch ihr eigenes Todesurteil. Hier zeigt sich der Tod als mitleidender Tod, der in Pestzeiten über das Land kommt und selber höheren Gesetzen unterliegt. Er respektiert die Lebenden und zieht an ihnen vorbei.

Sandra Gallrein

Der Tod und der Gänsehirt
aus: Janosch: „Janosch erzählt Grimm´s Märchen“, Beltz & Gelberg, Weinheim-Basel

Einmal kam der Tod über den Fluß, wo die Welt beginnt. Dort lebte ein armer Hirt, der eine Herde weißer Gänse hütete.
„Du weißt, wer ich bin, Kamerad?" fragte der Tod.
„Ich weiß, du bist der Tod. Ich habe dich auf der anderen Seite hinter dem Fluß oft gesehen."
„Du weißt, daß ich hier bin, um dich zu holen und dich mitzunehmen auf die andere Seite des Flusses.“
„Ich weiß. Aber das wird noch lange sein.“
„Oder wird nicht lange sein. Sag, fürchtest du dich nicht?“,
„Nein“, sagte der Hirt. „Ich habe immer über den Fluß geschaut, seit ich hier bin, ich weiß, wie es dort ist.“
„Gibt es nichts, was du mitnehmen möchtest?“
„Nichts, denn ich habe nichts."
„Nichts, worauf du hier noch wartest?"
„Nichts, denn ich warte auf nichts.“
„Dann werde ich jetzt weitergehen und dich auf dem Rückweg holen. Brauchst du noch etwas, wünschst du dir noch was?“
„Brauche nichts, hab' alles", sagte der Hirt. „Ich habe eine Hose und ein Hemd und ein Paar Winterschuhe und eine Mütze. Ich kann Flöte spielen, das macht lustig. Meine Gänse verstehn nicht viel von Musik.“
Als dann der Tod nach langer Zeit wiederkam, gingen viele hinter ihm her, die er mitgebracht hatte, um sie über den Fluß zu führen.
Da war ein Reicher dabei, ein Geizhals, der zeit seines Lebens wertvolles und wertloses Zeug an sich gerafft hatte:
Klamotten, auch Gold und Aktien und fünf Häuser mit etlichen Etagen.
Der Mann jammerte und zeterte: „Noch fünf Jahre, nur noch fünf Jahre hätte ich gebraucht, und ich hätte noch fünf Häuser mehr gehabt. So ein Unglück, so ein Unglück, verfluchtes!“
Das war schlimm für ihn.
Ein Rennfahrer war unter ihnen, der zeit seines Lebens trainiert hatte, um den großen Preis zu gewinnen. Fünf Minuten hätte er noch gebraucht bis zum Sieg. Da erwischte ihn der Tod.
Ein Berühmter war dabei, dem ein Orden gefehlt hatte, da holte ihn der Bruder Tod. Das war schlimm für ihn.
Dann war da ein junger Mensch, der hatte an seiner Braut gehangen, denn sie waren ein Liebespaar gewesen, und keiner konnte ohne den anderen leben.
Ein schönes Fräulein war dabei mit langen Haaren.
Und viele Reiche, die jetzt nichts mehr besaßen, was sie gerne hätten haben wollen.
Ein alter Mann war freiwillig mitgegangen. Aber auch er war nicht froh, denn siebzig Jahre waren vergangen, ohne daß er das bekommen hatte, was er hatte haben wollen.
Schlimm für sie alle.
Als sie an den Fluß kamen, wo die Welt aufhört, saß dort der Hirt. Und als der Tod ihm die Hand auf die Schulter legte, stand er auf, ging mit über den Fluß, als wäre nichts, und die andere Seite hinter dem Fluß war ihm nicht fremd. Er hatte Zeit genug gehabt, hinüberzuschauen, er kannte sich hier aus, und die Töne waren noch da, die er immer auf der Flöte gespielt hatte;
er war sehr fröhlich.
Das war schön für ihn.
Was mit den Gänsen geschah?
Ein neuer Hirte kam.

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