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La luna asoma
Der Mond kommt

Wenn der Mond heraufkommt,
vergehen die Glocken,
es erscheinen die Pfade,
die keiner durchdringt.

Wenn der Mond heraufkommt,
wallt Meer über Erde,
und es fühlt sich das Herz
im Unendlichen Eiland.

In des Vollmondes Schein
isst niemand Orangen.
Man muss grüne, erstarrte
Früchte sich brechen.

Wenn der Mond von hundert
gleichen Gesichtern
zu sich zurückkehrt,
dann schluchzt in der Tasche
die silberne Münze

Federico García Lorca / Ü: Enrique Beck
Die Pfade führen nach Spanien. Die farbenreichen Vertonungen der Lorcagedichte von dem Finnen Einojuhani Rautavaara und dem Amerikaner Matthew Harris waren Anstoß genug sich auf eine Entdeckungsreise in die spanische und katalanische Chorliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts zu begeben. Ob nun vom Land der Orangenbäume inspiriert oder von dort direkt importiert, besticht diese Vokalmusik durch eine enorme Ausdruckskraft und Sinnlichkeit in Klang und Rhythmus. Schimmerndes Mondlicht, einsame Reiter, wirbelnde Tänzer, erotische Frauen und die Sinne beflügelnde kulinarische Köstlichkeiten verführen die Phantasie in den warmen Süden.
La luna asoma ...
Der Mond kommt ...
Der Mond steht im Mittelpunkt vieler Märchen und Mythen aller Kulturkreise der Welt. Er hat darin immer doppeldeutige Gesichter. Er ist der wirkliche und der fantastische Mond, der nüchterne und der geheimnisvolle, der gute und der böse, der bleiche und der glänzende, der liebliche und der weihevolle, der heitere und der melancholische, der trostreiche und der abweisende, der romantische Mond, der Tröster der Einsamen und der Begleiter der Liebenden.
Die gegensätzlichen Charakterisierungen ließen sich fortführen.
Als nächtliche Lichtquelle am Himmel erhellt er nicht nur, er verändert auch alles, was er bescheint. Er selbst verändert sich im Laufe des Zyklus’, den er durchläuft. Deshalb wird der Mond auch mit den Geschicken der Menschen und den Geschehnissen auf der Erde in Verbindung gebracht. Er besitzt in den Mythen und Märchen der verschiedenen Kulturen entweder weibliches oder männliches Geschlecht, welches dem Geschlecht der ihm zugeordneten Gottheiten entspricht. Der männliche Mond ist meist ein mächtiger Mondgott, welcher Zeitmesser und Helfer in nächtlichen Ängsten und Gefahren ist. Der weibliche Mond ist eine schöne Göttin, die Beschützerin der Frauen, der Liebe und der Fruchtbarkeit ist. Sie ist die Adressatin von Wunschprojektionen der Erdenbewohner.
Der Mond, die Hitze der Sommernacht, die süßen, salzigen und würzigen Gerüche, die in der warmen Luft liegen und die Weite der spanischen Landschaft sind die zentralen Momente der Texte, die sich durch das Konzertprogramm ziehen. „La luna“ – in der spanischen Dichtung und Mythologie mit weiblichen Eigenschaften versehen - ist die Orientierung am Himmel des durch die Nacht reitenden, und nie ankommenden Reiters. Sie ist das Licht, das die Welt in eine unwirkliche, undurchdringliche Landschaft verwandelt. Sie ist das Himmelslicht, das der Mensch um Glück und Liebe anfleht.
Als Auftakt des Konzertes bittet der katalanische Komponist Manuel Oltra mit der ‚Sardana’ zum Tanz.
Das sich anschließende ‚Madrigal’ von Cristòfor Taltabull ist eine Hommage an die alte Madrigalkunst der Renaissance. Es verbindet Zitate der alten Kompositionskunst mit modernen Klängen.
Die melancholische, oft tragische Poesie des 1898 in der Nähe Granadas geborenen spanischen Dichters Federico Garcia Lorca ist weltweit bekannt. Sie wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt und inspirierte sowohl den zeitgenössischen finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara als auch den amerikanischen Komponisten Matthew Harris zu farbenreichen Kleinoden der kammermusikalischen A-cappella-Literatur.
Matthew Harris vertonte mit seinen ‚Two Lorca Songs’ zwei Gedichte aus Lorcas erstem großen Werk ‚Poema del Cante Jondo’ (Poem of the Deep Song). Sie wurden 1994 und 1995 in Washington und London uraufgeführt. In ‚Las Seis Cuerdas’ (‚Die Sechs Saiten’ – gemeint sind die sechs Saiten einer Gitarre) ließ sich Harris von der eindringlichen Melancholie der Poesie Lorcas leiten. Mit dem als Flamenco-Tanz komponierten Stück ‚Crótalo’ (‚Die Klapperschlange’) wollte er hingegen die Virtuosität veranschaulichen, die nicht nur dem Instrumentalisten oder dem Solisten sondern auch einem Chor in der musikalischen Darbietung möglich ist. Die mit dem Wort „crótalo“ immer wiederkehrenden Buchstaben ‚c’ und ‚t’ sollen ein rhythmisches Geräusch erzeugen, das dem von Kastagnetten gleichkommt.
Die Kompositionen des 1928 geborenen finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara sind sehr vielseitig. Sie sind Ausdruck verschiedener stilistischer Phasen, die Rautavaara kompositorisch durchlaufen hat. Ihnen gemeinsam ist ein mystischer Charakter. Rautavaaras bekanntestes Chorwerk ist seine 1973 veröffentlichte ‚Suite de Lorca’. Sie ist das Ergebnis seiner Begeisterung für die Poesie Federico Garcia Lorcas, die in ihrer mystischen Atmosphäre der Musik Rautavaaras sehr nahe steht.
Das erste Stück der Suite (‚Reiterlied’) beschreibt den einsamen Ritt eines Mannes auf einer schwarzen Stute unter dem großen Mond gen Cordoba. Doch Cordoba ist weit und der Tod ist nah. Cordoba bleibt unerreicht...
Das zweite Stück besingt einen Schrei (‚El grito’), der von Berg zu Berg schwingt und den Wind zum Vibrieren bringt. Was für ein Schrei hier erklingt, bleibt, liebe Zuhörer, Ihrer Phantasie überlassen. Ist es ein Schrei des Entsetzens oder ein Schrei der Befreiung?
Das dritte Stück dann (‚La luna asoma’) beschreibt den Mond wie er die Welt, die er bescheint, in ein undurchdringliches Licht der Unendlichkeit taucht. Darin „fühlt sich das Herz als Insel im Unendlichen“.
Das letzte Stück der ‚Suite de Lorca’ (‚Malagueña’ ) besingt den Tod, wie er bedrohlich in einer Taverne ein- und ausgeht, an der schwarze Pferde und finstere Gestalten vorbeiziehen - „und es liegt ein Geruch nach Salz und Blut von Frauen in der Luft, in den fiebrigen Blüten des Küstengebietes.“
Mit den drei letzten Stücken hält die leichte Muse Einzug in das Konzertprogramm. Das von José  Maria Cano komponierte Stück ‚Hijo de la luna’ wurde 1986, von der Popgruppe Mecano gesungen, zu einem internationalen Hit. P.J. Kunz von Gymnich arrangierte es für vierstimmigen Chor. Die Unterstimmen ersetzen hier die Instrumentalbegleitung des Originalwerkes. Inhaltlich handelt das Stück von einer Frau, die den Mond um ihr Glück willen anfleht. Dieser fordert von ihr dafür ihr erstes Kind. Daran zerbricht ihr Glück. Die Frau muss sterben und der silberne Mond bietet dem Kind durch sein Licht in Vollmondnächten Geborgenheit und ist ihm    in seinen abnehmenden Tagen eine Wiege.
Mit ‚Adios Nonino’, 1961 von Astor Piazzolla komponiert, wurde ein weiteres Instrumentalstück in das Konzertprogramm aufgenommen. Es wurde im Jahre 1999 von Nestor Zadoff für Chor a-cappella arrangiert und ist ein auf sinnfreien Tonsilben gesungener Tango.
Sollten Sie noch nicht wissen, wo und vor allem was Sie heute zu Abend essen werden... ‚Chili Con Carne’ ist ein von Anders Edenroth komponiertes A-cappella-Stück, welches im Samba-Stil die Zubereitung des beliebten feurigen Partyessens Chili con Carne mit seinen typischen, sonnig mexikanischen Gewürzen beschreibt. Wir wünschen einen schönen, hoffentlich lauen und feurigen Frühsommerabend!
Vera Oelbracht
Quellen:
Fölsing, Ulla (Hrsg.), Der Mond, München 1998.
Meinel, Gertraud, Magischer Mond – Mythos, Märchen und Mirakel, Freiburg im Breisgau 1997.
homepage des Finnish Music Information Center (http://virtual.finland.fi/finfo/english/rautavaa.html)
www.cyberspain.com/passion/lorca.htm
www.imagi-nation.com/moonstruck/clsc67.html

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