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„Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den
ursprünglichen Sinn wieder. [...]
Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein
geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten,
dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich
es.“
Novalis

So sprach der Dichter der ‚Blauen Blume’ und verfasste somit
das poetische Programm der Romantik. In einer zunehmend durch
wirtschaftliche Interessen bestimmten Zeit litten die Romantiker an der
Entpoetisierung und Banalisierung ihrer Umwelt.
Auf der Suche nach
einer nationalen Gesamtkultur, die Bildungsliteratur und Volkspoesie
vereinte, wandte man sich von der Verehrung der griechischen Antike
durch die Klassiker ab und mit idealisierendem Blick dem Mittelalter und
dem in volkstümlichen Erzählungen schlummernden Schatz an
Mythen, Märchen und Sagen zu. Dabei wurden die wissenschaftlich
theoretischen Auseinandersetzungen der Autoren des ‚Jenaer
Kreises’ : Tieck, Novalis, die Brüder Schlegel, sowie Fichte
und Schelling, zur Grundlage für die heutige Germanistik. Dass bei
aller Begeisterung für die Jagd nach der blauen Blume auch so
mancher Bock geschossen wurde, verstärkt nur den Reiz der Literatur
diese Zeit.

So ist die von Brahms in seinem op.42 vertonte Sage von der
Königstochter Darthula aus den ‚Ossianischen
Gesängen’ von MacPherson, ein Beweis für eines der
populärsten Schelmenstücke der Mythenbegeisterung. Das von
Herder übersetzte und vom jungen Goethe und seinen Zeitgenossen
zunächst hochgeschätzte Werk entpuppte sich schnell als
Fälschung.
Die von den Literaten epochenschreibende
Programmatik fand ihr zeitgleiches Echo in den bildenden Künsten
und in der Musik.
In den ‚Weltlichen Gesängen’
von Johannes Brahms spiegelt sich sowohl die äußere Welt
der Mythen und Sagen, wie auch die innere Welt, versinnbildlicht durch
die Natur.

Der Wald und das Meer stehen gleichsam für Geborgenheit und
Gefahr, für Heimat und Übergang in eine andere Welt. Befand
sich das Volk der Dichter und Denker somit auf den Spuren der
mythischen Vergangenheit, kümmerte man sich in England
zunächst um die eher weniger romantischen, handfesten politischen
Bedürfnisse einer imperialistischen Handelsmacht. Eine
vergleichbare, umfassende ‚romantische Epoche’ hat es auf
der Insel eigentlich nicht gegeben. Das englische Chorlied (Romantic
Partsong) orientierte sich am Lied der deutschen Romantik und hat
seine Blütezeit mit kleiner Verzögerung zur Jahrhundertwende
in der ‚english musical renaissance of the golden age’,
welche sich bis in die Mitte des 20.Jh. erstreckt. Der Rückblick
auf das ‚Goldene Zeitalter’ der Renaissance zeigt sich
deutlich in den unzähligen Shakespeare -Vertonungen, wobei die
hervorragenden literarischen Vorlagen auch neuerer Autoren ein
grundlegendes Merkmal für die Liedkompositionen dieser Zeit sind.
Im Ton wesentlich leichter und verspielter als die deutsche Romantik,
findet sich in den Stücken so mancher versteckte Humor mit
Programm, wie die Verwendung der Big-Ben-Melodie in den Stücken
von Gerald Finzi und Ralph Vaughan Williams.
Sandra Gallrein